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LKW-Fahrer: Hotelbett statt Fahrerkabine – besser oder schlechter?


Kraftfahrer
Bereits seit 2017 verboten: Das Verbringen der wöchentlichen Ruhezeit in der Fahrerkabine. (Foto-Quelle: Fotolia)

Seit Mai 2017 ist es in Deutschland bereits verboten, dass LKW-Fahrer ihre reguläre wöchentliche Ruhezeit von mehr als 45 Stunden in der Fahrerkabine verbringen. Ebenso gilt die Regelung in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und Italien. Nun wird eine europaweite Regelung angestrebt – und die Diskussion über die Folgen ist erneut entflammt.

In diesem Jahr will der EU-Verkehrsministerrat im Rahmen seines Mobilitätspakets unter anderem ein EU-weites Verbot durchsetzen: LKW-Fahrer sollen ihre wöchentliche lange Ruhepause von 45 Stunden nicht mehr in ihren Fahrerkabinen verbringen dürfen. Er hat im Dezember 2018 bereits einen entsprechenden Beschluss gefasst. Enthalten ist auch, dass Fahrer maximal 4 Wochen am Stück unterwegs sein dürfen. Dann ist spätestens ein Heimatbesuch fällig. Dieser Beschluss muss nun das EU-Parlament passieren. Eine gute Gelegenheit, die Realität erneut unter die Lupe zu nehmen.

1. Aktuelle Situation

Keine Frage: Ein Wochenendausflug zu einem Parkplatz an der Autobahn war bisher eher erschreckend. Scheinen die langen Reihen abgestellter LKW auf den ersten Blick die gute Lage der Wirtschaft in Europa zu unterstreichen und auf den zweiten Blick die Menschen auf Campinghockern und mit Campingkochern zwischen den Fahrzeugen eine Form von Truckerromantik auszustrahlen, so wird auf den dritten Blick und bei genauem Hinhören klar, dass viele ihre Freizeit so verbringen – weil sie nicht nach Hause können. Zu weit weg, um rechtzeitig wieder am LKW für die Weiterfahrt zu sein. Zu wenig Geld, um die Heimfahrt überhaupt bezahlen zu können. Zu wenig Geld, um ein Hotelzimmer zu beziehen, und zu viel Angst, dass die Ladung geklaut wird, wenn das Fahrzeug nicht bewacht ist.

Ebenfalls offensichtlich: Die LKW-Fahrer und -Fahrerinnen haben aus ihren Fahrerkabinen ihr zweites Zuhause gemacht. Individuell ausgestattet, mit Erinnerungsstücken an Heimat und Familie sowie dem Nötigsten zum Leben. Und die Fahrerhäuser bleiben auch weiterhin unter der Woche ihre Zuflucht. Das Verbot gilt nur für die lange Ruhephase am Wochenende.

2. Warum wurde die Regelung geschaffen?

Die Regelung soll die Arbeitsbedingungen der rund 2 Millionen LKW-Fahrer in Europa verbessern. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort steckt dahinter – und damit auch die Vermeidung von Wettbewerbsverzerrung etwa durch den Einsatz osteuropäischer Fahrer zu dort üblichen Löhnen in Westeuropa. In diese Richtung zielen – neben dem Fahrerwohl – auch die bekannte Kabotageregelung und das Mindestlohngesetz.

3. Was bedeutet das Verbot für Fahrer und ihre Arbeitgeber?

Tatsächlich sind sowohl die LKW-Fahrer als auch ihre Arbeitgeber nicht glücklich mit der Regelung.

3.1 Herausforderungen für Unternehmen

Die Unternehmer sehen folgende Herausforderungen, die sich in Deutschland und den anderen Ländern, in denen die Regelung bereits gilt, bestätigt haben:

  • Zu wenig geeignete Übernachtungsmöglichkeiten außerhalb der Fahrzeuge an den Autobahnen. Weitere Unterkünfte zu schaffen, wird dadurch erschwert, dass Übernachtungen in Gewerbegebieten – etwa in geeigneten, neu zu schaffenden Unterkünften auf den Betriebsgeländen von Speditionen und Fuhrunternehmen – nur bedingt erlaubt sind. Auch in Wohngebieten können solche Möglichkeiten nur schwer entstehen, weil Übernachten nicht als Wohnen gilt.
  • Zu wenig geeignete und sichere LKW-Parkplätze in der Nähe möglicher Unterkünfte. Daher häufig Fahrten zwischen Parkplatz und Unterkunft erforderlich, die einerseits Geld und andererseits Zeit kosten.
  • Um eine Unterkunft zu erhalten, ist häufig eine Vorreservierung erforderlich. Doch wo genau die Unterkunft liegen muss, wissen Fahrer und Unternehmer erst, wenn die Tour sich dem Ende zuneigt. Staus oder ausnahmsweise gutes Wetter und freie Straßen beeinflussen den Tourverlauf – und machen eine Vorabbuchung unwirtschaftlich sowie den Fahrer unflexibel. Sie führt entweder zu einem verfrühten Fahrtabbruch oder zu einer einerseits verfallenden Buchung und andererseits einer nicht mehr möglichen Hotelübernachtung am tatsächlich erreichten Ort aufgrund ausgebuchter Möglichkeiten.
  • Der Verwaltungsaufwand steigt. Fahrer müssen Vorschüsse erhalten, um vor Ort Übernachtungen bezahlen zu können.
  • Die Kosten für die Übernachtungen müssen an die Kunden weitergegeben werden. Dies ist aber nicht immer möglich. Sind Fahrer für einen Kunden über einen längeren Zeitraum unterwegs, kann dies gelingen. Ist dies nicht der Fall, kann eine konkrete Übernachtung einem Kunden nicht zugeordnet werden. Hier muss der Weg über eine Mischkalkulation gewählt werden.
  • Teuer und kaum an Kunden weiter zu belasten sind zudem die alle 4 Wochen fälligen Heimfahrten. Wer Fahrer in ganz Europa beschäftigt, muss diese eventuell von weit her nach Hause fliegen lassen. Gleichzeitig müssen andere Fahrer dann eventuell die LKW übernehmen und dorthin gebracht werden.
  • Eine durchgehende Kontrolle der Regelung fehlt. Und wo nicht kontrolliert wird, hält sich kaum jemand an das Verbot, ist aus der Branche zu hören. Dies gelte auch für die Einhaltung der Kabotageregelung, des Mindestlohngesetzes sowie die Kontrolle von Tachografen und Fahrerkarten.

Viele Unternehmer halten sich an das geltende Recht – und halten sich gleichzeitig für die Dummen.

3.2 Herausforderungen für Fahrer

Die Fahrer führen folgende Umstände an, die gegen die Regelung sprechen:

  • Sie sehen ihr Fahrzeug als ein Stück Heimat an. Tatsächlich fahren sie meist auf ihnen fest zugeteilten Einheiten. Einige haben sogar ein Mitspracherecht, wenn es um die Ausstattung einer neuen Zugmaschine geht. Entsprechend wenig begeistert sind sie, wenn ihr Fahrzeug von einem anderen Fahrer genutzt wird, weil sie pausieren oder gar nach Hause fliegen müssen.
  • Sie halten die Übernachtung in einigen Unterkünften für schlimmer als ein Wochenende im Fahrerhaus. Dies liegt beispielsweise an dem geringen Budget der Unternehmer für die Zimmer.
  • Eine Hotelunterkunft bedeutet auch, nicht selbst kochen zu können. Die Spesensätze gäben ein Essen im Hotel aber oft nicht her.
  • Sichere Parkplätze seien Mangelware – wenn die Fahrer nicht am Fahrzeug bleiben dürfen, aber erst recht erforderlich.
  • LKW-Fahrer mit eigenem Fahrzeug können sich die Übernachtungen im Hotel von ihren Einnahmen oft nicht leisten. Und sie sehen es nicht ein, warum sie nicht in ihrem eigenen Fahrzeug bleiben dürfen.

4. Wie lässt sich die Lage tatsächlich verbessern?

Wettbewerbsgleichheit innerhalb der EU ist sinnvoll. Die Lage lässt sich aber nur verbessern,

  • wenn die Kontrollen deutlich verstärkt und entsprechende Strafen verhängt werden – allerdings nicht zu Lasten der LKW-Fahrer.
  • wenn mehr sichere Parkplätze und geeignete Unterkünfte geschaffen werden. Dies kostet jedoch Zeit und Geld.

Mehr Infos zur Lage von Fuhrunternehmen und LKW-Fahrern sowie zum EU-Mobilitätspaket sind etwa hier zu lesen:

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